CORONAVIRUS: DIE ANGST UND DAS DILEMMA MIT DER ENDLICHKEIT

Um mit dem Elend der Welt, mit den schlimmen Nachrichten, die täglich auf uns einströmen und der Angst vor der eigenen Endlichkeit umgehen zu können, ignorieren wir schreckliche Ereignisse, verdrängen und kompensieren sie. Kompensieren sie, indem wir uns ablenken und uns mit vermeintlich unterhaltsameren und erfreulicheren Dingen beschäftigen: Essen, Trinken, Rauchen, Einkaufen, Spielen, Fernsehen…

      Wir versuchen in jungen Jahren, die Auseinandersetzung mit dem Lebensende zu vermeiden, indem wir das Thema Sterben und Tod möglichst umgehen und auf einen späteren Zeitpunkt verschieben: Jetzt bin ich 40, da muss ich nicht an so etwas denken… Morgen werde ich 60, in nächster Zeit frage ich mal bei der Rentenversicherung an, was ich als Rentnerin zu erwarten habe… Wenn ich 80 werde und das hoffe ich, kann ich mich immer noch mit dem Testament und der Patientenvollmacht beschäftigen…

     Sind es nicht solche Gedanken, die es uns ermöglichen, die Auseinandersetzung mit dem Absehbaren zu verdrängen und vor uns herzuschieben? Sind wir nicht auch Meister im Verdrängen?

     Tun wir uns wirklich einen Gefallen, wenn wir die Beschäftigung mit dem eigenen Tod bis zum Schluss aufschieben? Oder wäre es nicht sinnvoller, wenn wir uns mit der eigenen Endlichkeit frühzeitig auseinanderzusetzen würden, nämlich dann, wenn Fragen wie diese auftreten: Warum muss ich sterben? Was passiert mit mir wenn ich gestorben bin? Wenn ich hier nicht mehr bin, wo bin ich dann? Sind Krankheit und Tod etwas Schreckliches und müssen sie Angst auslösen?

     Das sind Fragen, die wir uns lange vor dem Eintritt in die Lebensphase Alter und hohes Alter stellen sollten. Indem wir uns mit ihnen auseinandersetzen, können wir unsere Gedanken klären und in Gesprächen mit anderen unsere Überlegungen, Standpunkte und Vorurteile überprüfen und vielleicht korrigieren, wenn es sinnvoll sein sollte.

     Wenn man bereits in jungen Jahren und nicht erst im hohen Alter darüber reflektiert und offen kommuniziert, kann das Faktum des eigenen Todes einen nicht mehr so schnell aus der Bahn werfen.

 

Proximale und distale Verteidigung

Die US-amerikanischen Psychologieprofessoren Sheldon Solomon, Jeff Greenbert und Tom Pyszczynski, die viele Jahre über das Thema Angst – und besonders die vor dem Tod – geforscht haben, schreiben: »Auf der Grundlage dieser Studien und mit Hilfe weiterer Studien kamen wir dahinter, dass Menschen über zwei unterschiedliche Arten von psychologischen Verteidigungsmechanismen oder Abwehrstrategien verfügen, um mit Gedanken an den Tod zurechtzukommen. Wenn wir uns des Todes bewusst sind, wird unsere proximale Verteidigung aktiviert. Es handelt sich dabei um rationale und rationalisierende Versuche, diesen Gedanken wieder aus dem Kopf zu bekommen. Wir unterdrücken solche unbehaglichen Gedanken entweder, versuchen uns abzulenken oder verschieben das Problem des Todes in die fernere Zukunft. Die unbewusste Präsenz des Todes in unserem Gehirn hingegen löst unsere distale Verteidigung aus. Diese hat keinerlei logische oder semantische Relation zu dem Problem Tod. […] Kurz: Proximale Verteidigungsmechanismen versetzen uns in die Lage, Todesgedanken aus dem Lichtkegel unseres Denkens zu verbannen; und distale Mechanismen verhindern, dass die unbewusste Beschäftigung mit dem Tod das Bewusstsein erreicht.«[1]

     Unter proximaler Verteidigung ist somit eine naheliegende und direkte Abwehr der Gedanken an den Tod in Form von (vermeintlich) rationalen Gedanken gemeint, um die Todesgedanken durch andere Gedanken abzulösen. Bei der distalen Verteidigung handelt es sich um eine unbewusste Abwehr.

     Die Autoren halten die Angst vor dem Tod für eine der Haupttriebkräfte menschlichen Handelns überhaupt und bezeichnen sie als natürliche und grundsätzlich angepasste Reaktion auf die ungeheure Bedrohung, sterben zu müssen.

Sie begründen dies mit einem Hinweis auf das Verhalten von Tieren in lebensbedrohenden Situationen. Tiere würden entweder fliehen oder angreifen, in seltenen Fällen würden sie sich tot stellen. Ähnlich würden auch Menschen reagieren. Denn immer, wenn ihr Leben bedroht sei und die Angst, sterben zu können, sie überflute, gerieten sie in einen emotionalen Ausnahmezustand bis hin zur Panik.

 

Unterschied zwischen Angst und Furcht

Furcht und Angst werden umgangssprachlich oft synonym verwendet. Eine Unterscheidung ist jedoch wichtig, denn während es sich bei der Furcht um eine starke emotionale Reaktion, einen Alarm, auf eine konkrete Bedrohung handelt, also auf einen äußeren Reiz, wie z.B. die Furcht vor Einbrechern, vor wilden Tieren oder einer schweren Krankheit, ist Angst immer ein innerer, unbestimmter Reiz, ein unangenehmer Gefühlszustand, der uns beherrschen kann.

     Furcht ist i.d.R. angebracht und rational begründbar. Sie wird eher als positiv und hilfreich verstanden; sie ist der Warn-, Schutz- und Überlebensmechanismus vor Bedrohung und tödlicher Gefahr.

     Angst bedeutet eine Anspannung bis hin zur Lähmung, die allein schon dann eintreten kann, wenn wir an eine bestimmte Situation oder ein Ereignis der Vergangenheit oder in der Zukunft denken. Sie gilt als negativ und wenig hilfreich, insbesondere dann, wenn sie sich dauerhaft als psychische Störung in Form einer Phobie, Panik oder depressiver Störung auswirkt. Denken wir nur an die phobische Angst vor Spinnen oder vor dem Benutzen von Aufzügen oder Flugzeugen, der Angst auf eine größere Anzahl Menschen zu treffen oder an Prüfungs- und Verfolgungsängste.

 

FORMEN VON aNGST

In der Jugend beschäftigen uns Ängste, in der Schule zu versagen oder eine wichtige Prüfung nicht zu bestehen. Im mittleren Alter den Job oder die Partnerin, den Partner an jemand anderen zu verlieren. Im Alter dann die Angst, krank oder dement zu werden und in ein Pflegeheim zu müssen; finanziell abhängig oder einsam zu sein; am gesellschaftlichen Leben nicht mehr teilnehmen zu können – dass das Leben bald zu Ende sein wird.

Aber auch Missbilligung, Kritik, Abwertung und Nichtbeachtung können Ängste auslösen. Wenn wir uns nicht wertgeschätzt oder nicht beachtet fühlen, kann auch dies durchaus Ängste verursachen – unser Selbstwertgefühl ist betroffen und infrage gestellt. Diese Formen von Angst könnte man auch als Lebensangst bezeichnen; eine Angst, den Anforderungen des Daseins nicht gewachsen zu sein.

     Es ist eine immer wieder gestellte Frage, ob den vielen Formen von Angst die Todesangst, die Angst, nicht mehr zu existieren, zu Grunde liegt. Sigmund Freud (1856 – 1939), Begründer der Psychoanalyse, ging offensichtlich genau davon aus: »Vor ungefähr einem Jahrhundert mutmaßte Freud, dass Phobien und Zwänge dazu dienten, irgendeine Art von imaginärer Katastrophe abzuwehren, deren grundlegendes Problem der Tod ist. Unserer Ansicht nach lag Freud damit sehr richtig. Unbändige Angst vor dem Tod erdrückt einen: Der Tod lauert überall und ist immer endgültig. Bei Menschen, die an verschiedenen Formen von Phobien und Zwängen leiden, werden Todesängste demnach in die Angst vor etwas leichter Kontrollierbarem umgeleitet, das reicht von A wie Amatophobie (der Angst vor Staub) bis Z wie Zemmiphobie (der Angst vor Maulwürfen).«[2]

     Ein Großteil menschlichen Verhaltens könnte durch diese Angst vor Verlusten angetrieben sein: die Selbständigkeit, die Gesundheit zu verlieren, schlussendlich Abschied von allem nehmen zu müssen, was einem vertraut und lieb ist, wissend, dass die Erde sich auch ohne mich weiterdrehen wird, ich aber nicht mehr dabei sein werde.

 

Umgang mit Ängsten

Die Ungewissheit über den Zeitpunkt des eigenen Lebensendes wiegt uns einerseits in der Illusion, irgendwann, jedenfalls in weiter Zukunft, zu sterben. Andererseits scheint sie ein wesentlicher Grund dafür zu sein, dass ein menschliches Leben überhaupt realisierbar und auszuhalten ist. Denn wenn wir unsere Todesstunde kennen würden, würden wir uns anders verhalten – wir würden vermutlich depressiv, verzweifelt oder gar irrewerden.

     Woher kommt überhaupt Angst und wozu dient sie? Evolutionsgeschichtlich ist sie ein Schutz- und Überlebensmechanismus zum Erhalt der eigenen Unversehrtheit und wird als ein Symptom von Stress erklärt. Das absolute Gegenteil von Unversehrtheit ist im schlimmsten Fall der Tod. Für diese Situation hat sich der Begriff der Todesangst gebildet, eine vermutlich nicht mehr steigerungsfähige Qual.

     Angst hängt vor allem von den negativen Erfahrungen ab, die der Einzelne, oftmals in seiner Kindheit, gemacht hat. Dazu gehören auch Erfahrungen mit dem Tod eines Haustiers oder eines nahen Angehörigen.

     Aber auch die täglichen Nachrichten über Kriege und Naturkatastrophen oder die jetzt täglichen Nachrichten über die abertausenden Toten der Corona-Epidemie, beeinflussen die Einstellungen und Vorstellungen, Meinungen und eben auch die Sicht auf Sterbenmüssen und Tod. Deshalb ist eine Art Tabuisierung, ein nur indirektes Ansprechen oder ein Verschweigen – man könnte es, psychoanalytisch verstanden, eine Verdrängung als Abwehr des Bedrohlichen nennen – immer beteiligt, wenn es um die eigene Endlichkeit geht.

     Wir können unserem bevorstehenden Lebensende nicht ausweichen und konzentrieren uns deshalb lieber auf etwas anderes, um die brutalste und größtmögliche Katastrophe unseres Lebens zu kompensieren.

     Da wir uns ständig an der Grenze zum Exitus bewegen – denn jeden Tag, jede Minute, kann uns etwas Bedrohliches mit tödlichem Ausgang, passieren –, müssen wir das Thema verdrängen, um überhaupt Leben zu können. Also glauben und hoffen wir, dass es uns vorläufig schon nicht treffen wird, obwohl unser Leben vielleicht heute noch durch einen Unfall oder Herzinfarkt zu Ende sein kann.

 

Ein gesundes Selbstwertempfinden und Optimismus helfen, Ängste besser zu bewältigen

Die zuvor zitierten Solomon, Greenbert und Pyszcyznski stellten in ihren Untersuchungen fest, dass es zwei grundlegende Faktoren für eine erfolgreiche Bewältigungsstrategie gibt: Erstens hätten Menschen mit einem gesunden Selbstwertempfinden weniger Angst vor dem Tod. Sie würden daher im Falle einer wirklichen Todesgefahr, bei schweren Herzrhythmusstörungen oder einem malignen Melanom, weniger zu Ausflüchten neigen, sondern würden solche gravierende Ereignisse ohne Umschweife angehen.

     Zweitens sei bei optimistischen Menschen, die glauben würden, dass Sport, Gesundheitsvorsorge und ein gesunder Lebensstil ihr Leben wirklich verlängern könne, eher damit zu rechnen, dass sie sich regelmäßig untersuchen lassen – sie würden einen gesünderen Lebensstil pflegen.

     Mit Selbstwertempfinden wird das Bewusstsein von sich selbst als einem inneren Gefühl bezeichnet, durch welches ein Mensch sich selbst einen Wert zuerkennt. Den Selbstwert bilden die positiven oder negativen Gefühle und Gedanken, die man von sich selbst hat.

     Dass ein gesundes Selbstwertempfinden oder -gefühl das entscheidende Bollwerk gegen die Angst vor dem Tod sei, hatte bereits der Begründer der Individualpsychologie, Alfred Adler (1870 – 1937), beschrieben. Adler hatte den Begriff des Minderwertigkeitsgefühls als zentralen Topos seiner Individualpsychologie eingeführt und schrieb bereits 1912 in seinem Hauptwerk Über den nervösen Charakter[3], dass eine positive Selbsteinschätzung zu einem gesunden Selbstwertgefühl führe und damit vor Angst schütze.

     Nach Adlers Auffassung stehen psychopathologische Phänomene, wie Wahnvorstellungen, Depressionen oder auch Selbstmordgedanken, einerseits im Spannungsfeld von Minderwertigkeitsgefühl und Geltungsstreben und andererseits mit dem, wie er es nannte, Gemeinschaftsgefühl, dem Gefühl der inneren Verbundenheit mit und des Angewiesenseins auf den Mitmenschen.

     Woraus speist sich, vor allem wenn wir dann älter sind, eine positive Selbsteinschätzung und eine gewisse Zufriedenheit mit dem Verlauf des eigenen Lebens? Vor allem aus den Gedanken die uns kommen, wenn wir über unser bisheriges Leben reflektieren, wenn wir Bilanz ziehen: wie und was wir geworden sind, was wir geleistet haben, was uns gelungen ist, womit wir zufrieden sein können.

     Ältere Menschen haben in ihrem langen Leben in beruflicher, sozialer und ethischer Hinsicht viele Kompetenzen erworben – sie haben eine individuelle, einmalige Persönlichkeit entwickelt. Ein gesundes, positives Selbstwertempfinden kann vor der Angst, alt oder krank zu werden,und sterben zu müssen bewahren oder diese zumindest abschwächen.

     Im höheren Alter ist eine Verringerung des Selbstwertgefühls durch Veränderungen im sozialen Umfeld, wegen gesundheitlicher Einschränkungen oder nicht ausreichender finanzieller Mittel jedoch nicht auszuschließen. Ein geringes Selbstwertgefühl, der seelisch-psychische Zustand, beeinflusst das körperliche Wohlbefinden. Wenn gleichzeitig in beiden Bereichen Schwierigkeiten auftreten, kann die Freude am Leben verloren gehen.

Alfred Adler hat sich dazu wie folgt geäußert: » Psychologisch ist dies nicht schwer zu begreifen. Wie schön auch Dichter und Philosophen die Zeit des Alters auszuschmücken versuchen, nur den erlesenen Geistern dürfte es gegeben sein, ihr Gleichgewicht zu bewahren, wenn sie die Pforte, die zum Tode führt, aus der Ferne auftauchen sehen. Und die Entbehrungen und Einschränkungen, die natürlicherweise das Alter mit sich bringt, die fühlbare Überlegenheit jüngerer Menschen, Angehörige, wie sie oft in harmloser Weise oder harmlos scheinend zu Zurücksetzung älterer Personen Anlaß gibt, werden fast immer zur Herabdrückung des Persönlichkeitsgefühls führen.« [4]

     Im Alter und vor allem im hohen Alter lässt die Leistungsfähigkeit nach. Unser Wert für die Gesellschaft oder für andere Menschen wird geringer. Anerkennung, die ich früher vielleicht in und durch meinen Beruf oder andere Leistungen erhielt, gibt es nicht mehr. Ich kann in diesen früher zentralen Lebensbereichen keinen Beifall mehr erwarten.

Heute könnte ich mich fragen:

·       Warum soll ich mich von der vermeintlichen Überlegenheit anderer, einer Zurücksetzung oder überhaupt dem Verhalten anderer abhängig machen?

·       Was sind jetzt noch meine Stärken aber auch meine Schwächen?

·       Welchen Beitrag kann und möchte ich, älter geworden und im Rahmen meiner Möglichkeiten, noch leisten?

·       Was möchte ich noch erreichen oder erledigen?

 

Indem ich mir diese Fragen stelle, verschaffe ich mir Klarheit über das, was mir noch möglich ist und was meinem Leben in der verbleibenden Zeit Sinn verleihen kann.

Diese Fragen sollen Anregungen sein, erst einmal selber herauszufinden, wie es um das eigene Selbstwertgefühl steht.

Wir Älteren haben auf jeden Fall den ungemeinen Vorteil, dass unser Leben nicht mehr wie früher an Leistung gebunden ist. Darüber kann man sich freuen. Manchmal habe ich das Gefühl, als wenn ich einem langen Urlaub wäre. Das kann trösten, es sei denn, eine Krankheit oder eine emotionale Krise stellt sich sein. Um den Umgang mit Letzterem soll es jetzt gehen.

 

Beistand in emotionalen Krisen

Während Philosophie sich nicht allgemeingültig definieren lässt – in der Regel wird sie als eine Grundlagenwissenschaft bezeichnet und im Deutschen mit Liebe zur Wahrheit und Weisheit übersetzt – ist die Psychologie die empirische Wissenschaft vom menschlichen Erleben und Verhalten. Wörtlich aus dem Griechischen übersetzt ist sie die Lehre von der Seele.

     Erst ab Anfang des 19. Jahrhundert entwickelt sie sich zu einer eigenständigen akademischen Disziplin, die mit naturwissenschaftlich-experimentellen Methoden im Spannungsfeld zwischen Geistes- und Naturwissenschaften arbeitet. Zuvor war sie ein Teil der Philosophie und wurde dieser zugerechnet.

Psychotherapie ist die professionelle Behandlung von psychischen Erkrankungen wie z.B. Depressionen, Angststörungen, Neurosen, Psychosen, Magersucht oder Bulimie (übermäßige Nahrungsaufnahme). In einer Psychotherapie – es gibt eine Vielzahl von Schulen mit unterschiedlichen Ansätzen – werden emotionale Leidenszustände und Verhaltensstörungen mit psychologischen Mitteln behandelt.

     Wer heute Psychologie oder Medizin studiert hat, ist noch lange nicht Psychotherapeutin oder Psychotherapeut. Dazu bedarf es einer zusätzlichen dreijährigen Vollzeit-Ausbildung bis zur Approbation als Psychologische Psychotherapeutin.

     Ob eine Psychotherapie bei einem älteren Menschen noch sinnvoll sein kann und durchgeführt werden sollte, dazu gibt es in Fachkreisen unterschiedliche Auffassungen. Inge Seiffge-Krenke, Professorin für Psychologie, und Franz Resch, Professor für Jugendpsychiatrie, stellen dazu fest: »Trotz guter Möglichkeiten wird Psychotherapie bei Älteren sehr selten durchgeführt, erscheint bestenfalls als ein Ergänzungsangebot. Insbesondere höheraltrige Patientinnen und Patienten werden heute immer noch marginalisiert«.

     Wenn wir älter werden, kann sich unser Verhalten und unsere Einstellung zum Leben ändern: Manche können in eine altersspezifische emotionale Krisen geraten. Hilfe in einer solchen Krise kann Psychotherapie bieten, die versucht, den Leidensdruck des Patienten oder der Patientin zu mindern und möglichst die Gesundheit wiederherzustellen. [5]

     In Einzel- oder Gruppengesprächen, diese zählen zu den häufigsten Formen der Psychotherapie, geht es darum, sich selbst und das, was innerlich belastet und bedrängt, besser zu verstehen, negative Gefühle zu verändern und problematische Denkmuster aufzudecken. Psychotherapie hat in den letzten hundert Jahren vielen Menschen Erleichterung und ein besseres Lebensgefühl verschafft. Sie hat millionenfach Gesundheit und Leben gerettet.

Irvin Yalom (*1931), Vertreter der existenziellen Therapie, der als einer der einflussreichsten Therapeuten unserer Zeit gilt, hat in seinem Buch mit dem Titel In die Sonne schauen – Wie man die Angst vor dem Tod überwindet auf die Bedeutung der Philosophie für seine eigene Arbeit als Therapeut hingewiesen.

     Der Autor schreibt, dass er nicht so sehr die großen Psychiater und Psychologen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts als seine intellektuellen Vorfahren begreife, sondern eher die klassischen griechischen Philosophen und da besonders Epikur. Er stellt fest, dass je mehr er über diesen außergewöhnlichen Athener Denker lerne, desto stärker erkenne er in ihm den proto-existenziellen Psychotherapeuten.

     Yalom begründet seine Vorliebe für Epikur wie folgt: »Epikur praktizierte ›medizinische Philosophie‹ und beharrte darauf, dass der Philosoph, gleich dem Arzt, der den Körper behandelt, die Seele, sprich Psyche, behandeln muss. In seinen Augen gab es nur ein wirkliches Ziel von Philosophie: das menschliche Leid zu lindern. Und die Grundwurzel des Elends? Epikur glaubte, dass es unsere allgegenwärtige Furcht vor dem Tod sei. Die erschreckende Vision des unausweichlichen Todes, so sagte er, störe die Lebensfreude und lasse keine Freude ungetrübt. Um die Furcht vor dem Tod zu lindern, entwickelte er einige wirksame Gedankenexperimente, die mir persönlich geholfen haben, mich mit der Todesfurcht auseinanderzusetzten, und die das Handwerkszeug liefern, das ich benutze, um meinen Patienten zu helfen.«[6]

     Zu Yaloms Patientinnen und Patienten, über deren Therapieverlauf er in seinem Buch Auskunft gibt, zählten während seiner aktiven Zeit Menschen aus allen Altersgruppen, die speziell wegen ihrer Angst vor dem Sterbenmüssen, ihrer Todesangst, zu ihm kamen.

     Er fragte seine Klienten, auch diejenigen, deren Sterben absehbar bevorstand, was sie genau am Tod fürchten würden. Die Antworten waren sehr unterschiedlich. Einige befürchteten, nicht die Dinge erledigt zu haben, die sie sich für ihr Leben vorgenommen hatten und eigentlich noch hätten tun wollen. Dahinter stand das Gefühl, manches versäumt, ein ungelebtes Leben gelebt zu haben. Anders formuliert: je geringer die Zufriedenheit im Leben selbst und besonders mit dem Verlauf des Lebens im Rückblick, desto größer ist die Todesfurcht. Je mehr man es versäumt hat, sein Leben auszuleben, desto mehr wird man das Ende fürchten.

     Andere hatten die Befürchtung, nach ihrem Ableben würde nichts von ihnen bleiben und deshalb sei ihr Leben eigentlich sinnlos gewesen. Dahinter stand, so Yalom, der Wunsch, sich selbst in die Zukunft zu projizieren: Sich genetisch durch die eigenen Kinder und Enkelkinder oder durch eine Organspende fortzusetzen. Oder sich durch ein oder mehrere Bücher, die man veröffentlicht hat – in der Hoffnung, dass sie in einigen Jahren noch von Interesse sein und gelesen werden würden –, oder durch eine wissenschaftliche Arbeit oder eine Erfindung, die einen Fortschritt ermöglicht, in Erinnerung zu bleiben. Wir wollen halt nicht spurlos verschwinden.

     Manche wiederum konnten sich nicht vorstellen, dass es ihr subjektives Ich nicht mehr geben würde. Sie wollten noch erleben, was aus ihren Kindern und Enkelkindern werden würde, wie die Gesellschaft sich entwickeln, wie es auf der Erde weitergehen würde.

     Klienten, die sich nicht damit abfinden konnten, nicht mehr zu existieren, antwortete Yalom, wie auch Epikur geantwortet hatte. Er sagt ihnen, dass sie, wenn sie gestorben seien gar nicht mehr wissen könnten, dass sie nicht mehr da seien. Sie würden auch nicht wissen, dass sie es nicht wissen, da der Tod der absolute Schlusspunkt jedes Bewusstseins sei.

     Zu seinem persönlichen Umgang mit dem Sterbenmüssen äußerte sich Yalom sinngemäß: »Im Letzten betrifft meine Existenz nur mich, von der allein ich scheiden muss. Es wird mein ›Ich‹ nicht mehr geben, wenn ich gestorben bin, ich werde keinen Schmerz mehr fühlen. Ich schließe mich Epikurs Schlussfolgerung an: ›Wo der Tod ist, bin ich nicht.‹ Es wird kein Ich da sein, um Angst, Traurigkeit, Kummer und Verlust zu empfinden. Mein Bewusstsein wird ausgelöscht sein, ausgeschaltet. Licht aus. Ich finde auch Trost in Epikurs Argument der Symmetrie: Nach dem Tod werde ich im gleichen Zustand des Nichtseins wie vor der Geburt sein.«

     Er ist überzeugt, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit das Leben verändern kann. Eine solche Auseinandersetzung könne helfen, das Triviale zu trivialisieren und uns ermutigen, so zu leben, dass wir nichts bereuen müssen. Der einzige Trost, der uns beim Sterben begleiten kann, ist das Wissen, dass wir (moralisch) gut gelebt haben, so Yalom.

     Diese Vorstellung, dass, wenn man gut gelebt hat und eigentlich nichts bereuen muss, dem Tod mit mehr Gelassenheit begegnen kann, nimmt er sehr ernst. Diese Botschaft hat er von vielen Sterbenden gehört. Deutlich ist ihm dies auch beim Lesen des großen Tolstoi und dessen Iwan Iljitsch geworden, der so schlimm gestorben ist, weil er so schlimm gelebt hat.

     »Alle meine Lebenserfahrungen haben mich gelehrt, wie wichtig es ist, so zu leben, dass man mit wenig Reue stirbt. In den darauffolgenden Jahren habe ich mich bewusst bemüht, großzügig und liebevoll mit jedem zu sein, der mir begegnet, und ich nähere mich mit angemessener Zufriedenheit dem Ende meiner achtziger Jahre«, schreibt Yalom in seinen 2019 erschienen Memoiren eines Psychotherapeuten. Wie man wird, was man ist.

     Was übrigens den zuvor geäußerten Wunsch mancher seiner Patientinnen und Patienten betrifft, sich in die Zukunft zu projizieren meinte Yalom, es würde die Zeit kommen, da die letzte lebende Person die ihn selbst gekannt habe, auch gestorben sein werde, deshalb habe er den Wunsch und die Hoffnung aufgegeben, dass er als Person in irgendeiner greifbaren Form überdauern werde.

     Auf die Frage, ob er an ein Leben nach dem Tod glaube antwortete er: »Nein. Aber ich habe ebenso das Gefühl, dass wir bei solchen Dingen nie sicher sein können. Ich finde die Idee der Wiedervereinigung im Himmel nicht glaubwürdig. Ich halte sie für Wunschdenken.«[7]

 

Abschweifung

Zu Yaloms Erfahrung, dass Menschen den Wunsch haben, sie möchten gerne noch erleben, was aus ihren Kindern und Enkelkindern geworden ist, eine kleine Anekdote aus kürzlich eigenem Erleben: Dienstags hole ich das jüngste Enkelkind M. nachmittags aus dem Hort ab, in den sie nach der Schule geht. Sie ist sieben und letzten Sommer in die Schule gekommen.

      Auf dem Weg zum Auto, es ist Winter und beginnt bereits dunkel zu werden, gehen wir durch einen kleinen Park; Hand-in-Hand kommt uns ein junges Paar entgegen.

     Als die beiden schon ein Stück hinter uns sind fragt mich M. unvermittelt:

     »Opa, wie finde denn später mal einen Mann?«

     Ich: »Damit hast du noch viel Zeit.«

     Sie: »Aber wie sucht man den denn? Geht man in die Stadt und sucht?«

     Ich: »Ich glaube nicht, dass du suchen musst, die kommen auf dich zu.«

     Sie: «Das stelle ich mir aber nicht einfach vor.«

 

Wird sie in 10 oder 15 Jahren einen Freund haben oder ist sie dann vielleicht schon verheiratet? Werde ich noch erleben, wer auf sie zukommt und mit wem sie sich zusammentut? Wohl kaum! Oder vielleicht doch?

     Man muss nicht unbedingt vom Tod gezeichnet sein, um den Wunsch zu haben, länger leben zu wollen. Ich merke, wie mir beim Schreiben warm wird und die Zeilen vor meinen Augen verschwimmen.

     Wenn es wirklich den Wunsch gibt, länger leben zu wollen, alt zu werden – und den hat wohl jeder Mensch –, dann ist es vor allem der Wunsch, dass die uns Nachfolgenden leben sollen. Das Überleben anderer, die Fortexistenz der Menschheit, erscheint uns bei einer solchen Überlegung wichtiger als unser eigenes Leben und Überleben. So geht es mir jedenfalls.

     Unsere Existenz erhält durch das Fortbestehen des menschlichen Lebens auf diesem Planeten einen letzten Sinn. Das setzt aber voraus, dass wir vor Fragen und Problemen des Klimaschutzes, der Armut und den militärischen Auseinandersetzungen in der Welt, der Flüchtlingsproblematik und jetzt auch noch der Corona-Epidemie nicht verzagen.

 



Anmerkungen

 

Vorabauszug aus meinem Manuskript „Älterwerden. Die Kunst, gut zu leben – bis zum Schluss.“

 

[1]    Solomon et al. (2016)

[2]    ebenda, S. 272

[3]    Alfred Adler (1988)

[4]    ebenda

[5]     Wikipedia, Stichwort Psychotherapie [28.07.18]

[6] Irvin D. Yalom: Wie man wird, was man ist. Memoiren eines Psychotherapeuten, btb 2019

[7] Ebenda

 

Literatur

Adler, Alfred: Über den nervösen Charakter, Fischer, 1988

Solomon, Greenberg, Pyszczynski, Der Wurm in unserem Herzen. Wie das Wissen um die Sterblichkeit unser Leben beeinflusst, DVA 2016

Yalom, Irvin D.: Existenzielle Psychotherapie, EHP 2005

Yalom, Irvin D.: In die Sonnen schauen. Wie man die Angst vor dem Tod überwindet, btb 2010

Yalom, Irvin D.: Wie man wird, was man ist. Memoiren eines Psychotherapeuten, btb 2019

 

© Roger Wisniewski, Berlin, 26.02.2020

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